Trăgnala Rumjana, ein „Tanz aus dem Pirin“

In unserem ersten Artikel über Trăgnala Rumjana haben wir uns mit der Herkunft, dem Schrittmuster und der rhythmischen Struktur der Musik beschäftigt. In diesem zweiten Artikel zum selben Tanz geht es nochmal genauer um seine Herkunft, zu der wir in verschiedenen Quellen widersprüchliche Angaben gefunden haben.

Unsere Nachforschungen haben inzwischen ergeben, daß die Aufnahme auf der Single des US-Tanzlabels XOPO Nr. X-329 b nicht, wie lange angenommen, vom DANPT Pirin, sondern vom Ensemble für Volkslieder des Bulgarischen Radios (Ансамбъл за народни песни на Българското радио) unter der Leitung von Kosta Kolev eingespielt wurde. Die Aufnahme erschien 1966 bei Balkanton (LP BHA 565).

Das Lied

Die Meinung, „Trăgnala Rumjana” sei ein Tanz aus dem Pirin (SW-Bulgarien, alias Bulgarisch-Makedonien), ist weit verbreitet. Auch wir gingen bei unserem ersten Artikel zu Trăgnala Rumjana noch davon aus. Beim genaueren Hinsehen muß man allerdings feststellen, daß das mindestens für das Lied bzw. den Liedtext nicht zutrifft. Todor Mollov trägt in seiner Sammlung bulgarischer Volksliedmotive (1) die Lieder mit dem Thema „Rumjana ging Wasser holen und traf einen jungen Mann, der sie zum Kuß zu überreden versuchte” zusammen. Er listet 36 bulgarische Lieder mit diesem Thema und weitere 6 in Griechenland, Makedonien und Serbien auf. Eine Karte auf der Basis seiner Befunde zeigt auf den ersten Blick die Verbreitung dieser Liedthematik in allen Regionen Bulgariens.

Ältere Notenaufzeichnungen von 1926, 1931 und 1942 mit der mindestens im ersten Teil gleichen Melodie vermerken die Gegenden von Belogradčik (Nordwestbulgarien), von Nikopol (Nordbulgarien) und das Sofioter Becken (Šopluk) als Herkunft.

Trăgnala Rumjana aus Belogradčik, aufgezeichnet 1926. Aus: Stoin, Vasil, Narodni pesni ot Timok do Vita (Sofija 1928)
Trăgnala Rumjana aus Belogradčik, aufgezeichnet 1926.
Aus: Stoin, Vasil, Narodni pesni ot Timok do Vita (Sofija 1928)
Trăgnala Rumjana aus Nikopol aus: Stoin, Vasil, Narodni pesni ot Sredna Severna Bâlgaria (Sofija, 1931) aufgezeichnet 1928 (http://musicart.imbm.bas.bg/karton.asp?zapisID=2411)
Trăgnala Rumjana aus dem Dorf Saranci, Elin Pelinsko (Šopluk) 1942, gesammelt von Dimitâr Božančev (http://lubo1.cl.bas.bg/karton.asp?zapisID=1394)

Damit dürfte belegt sein, daß Trăgnala Rumjana nicht als „Lied (nur) aus dem Pirin” gelten kann.

Die in unserem ersten Artikel zu Trăgnala Rumjana behandelte Zuordnung der Aufnahme des Ensembles für Volkslieder des Bulgarischen Radios zum Pirin-Achter (8/8- oder 8/16-Takt) greift jedoch nach wie vor. Auch wenn unsere älteste Notenaufzeichnung des Stückes in 8/16 von 1926 aus Nordwestbulgarien stammt, gehört das Zählmuster 3-2-3 zu einer in der Pirin-Region früher weitverbreiteten Taktform, die heutzutage zunehmend von 7/8 bzw. 7/16 verdrängt wird.

Im übrigen gibt der besondere Charakter von Melodie und Text Yves Moreau zufolge Anlaß zu der Vermutung, daß das Lied nicht besonders alt ist und eher der städtischen Folklore („gradski pesni”) zuzuordnen ist, die im späten 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts überall in Bulgarien populär wurde. (1a)

Der Tanz 

Für die Herkunft des gleichnamigen Tanzes (benannt nach dem Lied) liegen zwar mehrere einschlägige bulgarische Werke vor, allerdings erwähnen Krasimir Petrov und Nikolaj Cvetkov (2) Trăgnala Rumjana nicht, während Stefan Văglarov (3) den Tanz unter dem Titel „Rumjana (Trăgnala Rumjana)” als „populär” beschreibt und feststellt, er habe „den pirinischen Stil der Ausführung” bewahrt. Eine weitere bulgarische Publikation, die Trăgnala Rumjana behandelt, ist im Internet zu finden; Autor ist der Universitätsdozent Stefan Bazelkov (3a). Seine Ausführungen decken sich inhaltlich völlig mit Vâglarov, bis auf ein Detail: Er bezeichnet im Gegensatz zu Vâglarov die Trâgnala R. nicht als speziell pirinisch, sondern als „populär im ganzen Land”. Vâglarov deutet das nur vage an mit seinem Ausdruck, sie sei „populär”: „Популярно хоро е, но запазва пиринския стил на изпълнение”. Auch  Boris Conev (3b) schreibt, sie werde im ganzen Land getanzt.

Dagegen sind die Belegstellen im angelsächsischen Raum zahlreich. Dick Crum beschreibt ihn ca. 1975 (4) mit der Herkunftsangabe „Rhodopen u. Strandža” und beruft sich dabei auf den Tänzer Ilija Rizov des DANPT Filip Kutev. Andere Autoren wie D. Oakes, R. Houston, D. Vinski u.a. schreiben zum großen Teil dasselbe, beim näheren Hinsehen entpuppt sich dies alles allerdings als Zitate aus Crum. (5)

Letztlich können wir den Tanz also auf zwei Quellen zurückverfolgen: 1. Văglarov (Pirin) und 2. Crum/DANPT Filip Kutev (Rhodopen u. Strandža).

Văglarovs Hinweis auf den Stil der Ausführung ist hierbei wesentlich. Denn die Tanzschritte für sich genommen, jeden stilistischen Beiwerks entkleidet, sind nichts anderes als der ubiquitäre Färöer Balladenschritt, auf vier Takte erweitert (R L | (R L |) R | L |) (6), mit seiner Verbreitung im gesamten indoeuropäischen Raum von den Färöern bis nach Indien. Crum nennt dies „obiknoveno horo – gewöhnlicher Horo”. Bei ihm bzw. Ilja Rizov kommt übrigens noch eine Rückkreuzung beim 4. Schritt hinzu.

Beim Stil gibt es allerdings interessante Unterschiede. In „unserer Folkloretanzszene” werden überall die Takte 1 und 2 im Rhythmus 3-2-2 mit einem Federn auf den zweiten Taktschlag getanzt: R w L | R w L | – eine Praxis, die Crum zwar einräumt, aber nicht ohne Einschränkungen. Văglarov beschreibt auf lang-kurz-kurz: Schritt-Schritt-Pause (ohne čukče, das Nachfedern!): R L – | R L – | . Crum u.a. schreiben entsprechend den Tanzschritten „lang-länger” (3-4):  R L | R L | . Auch die Takte 3 und 4 enthalten bei ihnen nur je zwei Impulse: R tip | L tip | – ohne čukče, während Văglarov hier drei Impulse im Rhythmus 3-2-2 mit jeweils zweimal čukče schreibt: R w w | L w w | . Ohne sich darüber klar auszudrücken, meint er hiermit wohl den „Pirinischen Stil”, der ihm zufolge in diesem populären Tanz bewahrt sei (Văglarov 1976, S. 128).

Bei Crum heißt es im Widerspruch hierzu, das Federn sei „nicht Teil der in Bulgarien gelehrten Standard-Form”. (7) Ron Houston widerspricht beiden, insofern sie das Federn (čukče) vorschreiben (Văglarov) bzw. zulassen (Crum); er empfiehlt, die zusätzliche Pulsation wegzulassen und auch das freie Knie nicht hoch anzuheben. (8) Crum und Houston ist gemeinsam, daß sie eine völlig schlichte, also eher rhodopische Ausführung der Tanzschritte empfehlen.

So können wir zur Frage, ob Trăgnala Rumjana ein Tanz aus dem Pirin ist, festhalten: Weder Lied noch Tanz sind regional eindeutig zu verorten.

1. Die reine Schrittfolge ist europaweit verbreitet und keiner besonderen bulgarischen Region zuzuordnen.

2. Schriftlich belegt sind zwei stilistische Varianten des Tanzes: eine pirinische (makedonische) und eine rhodopische.

3. Das Lied ist ebenfalls keiner besonderen bulgarischen Region zuzuordnen; es kommt in allen Regionen vor.

Daraus folgt: Trăgnala Rumjana ist wie Pravo Horo ein universeller, gesamtbulgarischer Tanz mit regionalen stilistischen Variationen der tänzerischen Ausführung und des musikalischen Arrangements.


(1) Bălgarski folklorni motivi, 8 Bde., Bd. 6 Liebeslieder: Ruma moma za voda i momăk ovčar; http://liternet.bg/folklor/motivi-3/ruma-moma/content.htm

(1a) „Just by the melody line and text of the song, my guess is that it is not a very old folk song and is more in the urban folk tradition (late 19th-early 20th century) which became popular throughout the country.“ (Yves Moreau, Korrespondenz Dez. 2016)

(2) Petrov, Krasimir: Bălgarski narodni tanci … 7 Bde. Sofia 1993-1995 und Varna 2004-2008
Cvetkov, Nikolaj: Tancovijat Folklor na Petrič. Petrič 2000

(3) Văglarov, Stefan: Bălgarski narodni hora i tanci. Sofia 1976. S. 128

(3a) Stefan Bazelkov, Dozent am Lehrstuhl für Theorie und Methodik des Sports der Universität Šumen: http://www.faber-bg.com/index.php?mod=authors_item&show=1138
Ritmika i Tanci (doc-Datei in Entwurfsfassung, als Buch z.Z. vergriffen)

(3b) Conev, Boris – Bălgarski narodni hora i răčenici (1960), S. 198

(4) Miami Valley Folk Dancers, directory of miscellaneous  instructions and syllabi http://archives.mvfolkdancers.com/0_Other%20Items%20of%20Interest/0_Dance%20Instructions/, o.D.

(5) Oakes, D.: http://www.phantomranch.net/folkdanc/dances/trugnala.htm
Houston, R.: Folk Dance Problem Solver 2001
Vinski, D./Evansville International Folk Dancers: http://evansvillefolkdancers.com/resources/Notes/T/Trŭgnala%20Rumjana%20DN.pdf

(6) Legende zur Schrittnotation:

R – Schritt mit dem rechten Fuß
L – Schritt mit dem linken Fuß
w – federn (im Sprunggelenk leicht anheben, absenken und wieder anheben)
tip – die Spitze des unbelasteten Fußes berührt den Boden
–  – Pause, keine Bewegung
|   – Taktstrich

(7) „Macedonians (or U.S. and Canadian folk dancers accustomed to Macedonian style) learning this dance will have a tendency to divide ct 2 into 2 parts, i.e., add an extra bounce, especially in meas. 3 and 4, and men will raise active knee rather high in those measures. No Bulgarian would „object“ to this, although it is not part of the standardized form as it is taught in Bulgaria.”

(8) „Let’s leave the extra pulse out of this dance and enjoy its Bulgarian flavor. … Try NOT to do the high Macedonian knee lifts for men …” Ron Houston, Folk Dance Problem Solver 2001