Unkenrufe. Aktuelle Streiflichter auf unseren Folkloretanz

Seit es dieses Web-Magazin gibt, schauen wir noch ein bißchen gründlicher auf Entwicklungen – oder deren Fehlen. Auch der Blick in die Folkloretanzkultur anderer Länder lohnt sich immer wieder. 

Erstens: Was wird getanzt?  

Wir sind es gewohnt, daß alles sich allmählich verändert. Bei den Themen der Veranstaltungen scheint es aber keine langfristigen Trends zu Veränderungen zu geben. Nach wie vor laden die meisten Veranstalter jahraus, jahrein dieselben Tanzlehrer ein; es gibt wenige – auffällige – Ausnahmen. Wirkt da der Grundsatz „Keine Experimente”? Hält man des ökonomischen Risikos wegen an Altbewährtem fest? 

Man mag sich vielleicht ein breitgefächertes Spektrum wünschen, die (zahlenden) Tänzerinnen haben jedoch ihre Vorlieben. Das spiegelt sich im Haide!-INFO (1) 2019 wider (160 Angebote): 20 % griechisch, 31 % gemischte Programme, 14 % bulgarisch – und dann wird’s schon einstellig: rumänisch 4 %, der Rest drunter. Ein ungarischer Kurs taucht schon seit Jahren nicht mehr in den offenen Angeboten auf. Das schmerzt, wenn man bedenkt, was das für ein wunderbares Tanzen ist: paarweises Improvisieren zu leidenschaftlicher Musik! In der ganzen europäischen Folklore gibt es nichts Schöneres – Tänzerinnen und Tänzer, die ungarisch und Balkan tanzen, sind sich da einig. (Auch die beliebte Salsa kann da in puncto Eleganz und Kunst nicht mithalten.) Dabei ist doch das ungarische Tanzhaus im Grunde nichts Anderes als der „Bal Folk” – nur mit dem Unterschied, daß man, um ungarisch tanzen zu können, vieles gründlich und ausdauernd einüben müßte; das schreckt heute viele, die gerne tanzen würden, ab. Man will – zeitgeistgemäß – instant gratification. Und so steht der „Bal Folk” mit 36 % der Angebote an erster Stelle, das Balkantanzhaus macht 12 % aus. 

Die Anzahl aller Angebote der letzten zehn Jahre im Südwesten schwankt allerdings beträchtlich zwischen 135 (2010) und 222 (2014) (2). Ab 2014 nimmt ihre Zahl kontinuierlich ab (2019: 160). 

Tanz im Internet

Was aber unter Corona-Bedingungen noch besonders auffällt: In Deutschland zuckt man bedauernd-resignierend mit den Schultern und sagt alles ab, wohingegen man sich in den USA daran erinnert, daß inzwischen jeder Haushalt nicht nur über einen Fernseher, sondern auch über einen PC verfügt. Hierzulande scheint sich das noch nicht herumgesprochen zu haben; jedenfalls melden Dutzende Veranstalter in den USA wöchentlich mehrere online-Folkloretanzangebote (die man auch von hier aus wahrnehmen kann) – in Deutschland: Fehlanzeige! Sicher, die USA messen von Ost nach West viereinhalbtausend Kilometer, aber die relative Winzigkeit Deutschlands ist keine befriedigende Erklärung für diese IT-Enthaltsamkeit in einem Spitzentechnologieland. Mir scheint, was vor ein paar Jahren für Frau Merkel noch „Neuland” war, ist es weiterhin für die deutsche Folkloretanzszene. 

Auch wenn in den USA überwiegend eine kräftigere Internetübertragung vorherrscht als hier bei uns, die das online ermöglichte Mittanzen dort noch befördert, läßt vor allem die Zahl und auch oft der Zustand der Folkloretanzwebseiten in D ziemlich viel Luft nach oben. Deren ästhetische Anmutung reicht von schick bis achtziger Jahre. Im Webauftritt einer süddeutschen Tanzgruppe z.B. steht unter „Aktuelles”: zuletzt aktualisiert vor sieben Monaten – ist das noch „aktuell”? Ein besonders nettes Beispiel ist die Seite „Termine” einer Tanzgruppe mit einer bildschönen Ankündigung aus dem Jahre 2018; die steht da im Jahre 2020 immer noch als einziger „Termin”. 

Ein süddeutscher Tanz-Landesverband schreibt zwar vollmundig: 

„Der Landesverband Tanz […] setzt sich für die Förderung und Pflege der verschiedenen Bereiche des Tanzes ein. Besondere Aufgaben sind […] Durchführung von Seminaren und Tanzlehrgängen” …

Ankündigungen von „Seminaren und Tanzlehrgängen” sucht man dort allerdings vergeblich, und zwar seit vielen Jahren. (Vor noch mehr Jahren gab es bei diesem Landesverband jedoch ein gedrucktes Jahres-Lehrgangsprogramm – unmöglich ist es also nicht.) Andere Landesverbände machen es vor: Auf ihren Webseiten findet man Jahreskursprogramme, allerdings ausschließlich die von ihnen selbst veranstalteten. Eine umfassende Darstellung aller Folkloretanztermine im Land „ohne Ansehen der Person“ gibt’s schlichtweg nicht, vom Haide!-INFO abgesehen. Alle schreiben sich aber „die Förderung und Pflege der verschiedenen Bereiche des Tanzes” auf die Fahnen. Da wäre doch Bündelung und Kommunikation aller verfügbaren Informationen das Mindeste. 

Wer tanzt? 

Schon lange hört man Unkenrufe über die „Überalterung” unserer Folkloretanzszene. Was ist da dran? Solange es keine zuverlässige Altersstatistik gibt, bleibt sie ein Eindruck, ein Gefühl. Vor vier Jahren habe ich bei einem großen Tanzfest fotografiert und dann die Bilder daraufhin genauer angeschaut. Mein Fazit war: In mindestens zehn Jahren wird unsere Folkloretanzszene wie die Alpengletscher abgeschmolzen sein bis auf einen kümmerlichen Rest, aus Altersgründen. Wer aber das Karlsruher Balkantanzhaus regelmäßig besucht, wo Tänzer in großer Zahl (bis zu siebzig und manchmal mehr) zusammenkommen, kann beobachten, daß dauernd Neue dazukommen, und zwar aus allen Altersgruppen. Auch Junge. Auch Männer. Man staunt … 

Die „Bal-Folk”-Szene nimmt eine Sonderstellung ein; sie hat infolge ihres niederschwelligeren Formats als Mitmachtanz-Angebot nicht die Nachwuchsprobleme des „Balkantanzes” – siehe oben. So schreibt z.B. Balfolk’n Co in Tübingen: 

„Die Grundlage der Tänze ist ziemlich einfach, so dass jede und jeder spontan mittanzen kann!” 

Vernetzung, Kooperation, Förderung? 

Einer meiner alten Tanzfreunde klagte neulich über mangelnde Vernetzung und Kooperation zwischen den Gruppen. Damit hat er wohl recht: Jedes Grüppchen kocht sein eigenes Süppchen und macht dem anderen Grüppchen möglichst noch Konkurrenz … Oder wie soll man es verstehen, wenn in einer mittelgroßen Stadt zwei griechische Wochenenden am selben Datum angeboten werden? Das ist keine Ausnahme, ich kann als Haide!-INFO-Redakteur ein Lied singen von derlei fehlender Vernetzung. Da liegt sicher i.d.R. kein böser Wille vor, wohl aber fehlendes Bewußtsein für die Notwendigkeit, sich vor Ort „den Kuchen zu teilen”, statt sich gegenseitig zu ignorieren oder gar auf die Füße zu treten. 

Die Klage bezog sich auch auf vermeintlich mangelnde Öffentlichkeit und Förderung. Ja, die Zeiten für Auftritte in Konzertsälen und ihre Wiedergabe im Fernsehen sind offensichtlich vorbei; es gab sie einst … 

Aber für gut etablierte Folkloretanz- und -musikveranstaltungen, die auch öffentlich gefördert werden, gibt es etliche Beispiele. Wir dürfen nicht vergessen, daß laufende Folkloretanzkurse an den Volkshochschulen öffentlich gefördert sind – und das sind nicht wenige. Auch die in kirchlichen Räumen angesiedelten Gruppen würde ich dazurechnen. Dann denke man an das Rudolstadt-Festival (vormals Tanz- und Folk-Fest), die Folkloria Karlsruhe (dieses Jahr Corona-bedingt „VollGloria„), das Erlanger Tanzhaus, alle mit kommunalen, Landes- und Sponsorengeldern finanziert – es gibt sie doch, die finanzielle Förderung. 

Man sollte aber nicht immer nur nach den öffentlichen Geldern rufen, denn die nützen nichts, wenn es nicht entschlossene Persönlichkeiten mit genug Initiative und Zeit (!) gibt, die bereit und auch in der Lage sind, ein solches Projekt anzupacken. Dazu würde ich z.B. auch Heidi Zieger (Oldenburg) rechnen, die meines Wissens völlig ohne Bezuschussung auskommt, sich aber auf den Enthusiasmus ihrer Tänzerinnen stützen kann, seit 35 Jahren. (Dort ist übrigens auch eine gute lokale Presseberichterstattung zu besichtigen.) Das Tanzhaus Karlsruhe ruht ebenfalls auf den Schultern einer ganzen Reihe von tatkräftig Engagierten. 

Ganz so mau und flau sieht es also doch nicht aus. 


(1) Haide!-INFO: Folkloretanzterminkalender für den Südwesten

(2) Im Haide!-INFO gelistete Wochenendveranstaltungen, das Corona-Jahr 2020 ausgenommen.

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