Tanz und die Ethnologie

Die Menschheit tanzt von Anbeginn an. 

Belege für menschlichen Tanz, d.h. künstlerische Darstellungen, i.d.R. Höhlenmalereien, werden bis in die Altsteinzeit datiert. (1)

Einiges spricht jedoch dafür, daß der Beginn des Tanzes sogar noch weit davor liegt. In der Tierwelt wird (vermutlich) schon vor dem Erscheinen des Homo sapiens getanzt (Beispiele: Vögel, Primaten). Curt Sachs schreibt hierzu in seiner Weltgeschichte des Tanzes: „Die Anfänge des menschlichen Tanzes werden uns freilich weder von der Völkerkunde noch von der Prähistorie gewiesen. Vielmehr ist es der Schimpansentanz, aus dem wir sie zu erschließen haben: lustvoller Reigen im Kreis um einen feststehenden, ragenden Gegenstand muß schon Urbesitz der Menschheit von ihren tierischen Ahnen her sein. Ihn dürfen wir daher auch für die Frühen Grundkulturen, die erste wahrnehmbare Schicht menschlicher Gesittung, als ständiges Tanzgut voraussetzen.” (2)

Tanz: die Mutter aller Künste

Betrachten wir die Funktionen des Tanzes – Ventil für Energieüberschuß (Lebensfreude, Lust), Selbstvergewisserung des Individuums (Kompetenz) und der Gemeinschaft (Integration), ästhetische Gestaltung (Kunst), Kommunikation mit natürlichen und übernatürlichen Kräften (Magie, Religion, Medizin) – und seine Einbettung in alle Momente des Gemeinschaftslebens (Geselligkeit, Spiel, Fest, Ritual, Kampf, Weihe), wird deutlich, daß dies Grundfunktionen des individuellen und des sozialen menschlichen Lebens sind, die gewiß nicht erst ab einer bestimmten Kulturstufe aufgetaucht sind. Dies bestätigt Jutta Weidig in ihrer „Tanz-Ethnologie”(3), die die verfügbare ethnologische Literatur sichtet: 

„Der Tanz ist nach THURNWALD die entwicklungsgeschichtlich älteste Kunst (o.J.:222) – eine Aussage, die ebenfalls von WUNDT (1919), KOOL (1921) und SACHS (1976) gemacht wurde. Der ‚körperlich-muskuläre Ausdruck‘ des Tanzes ist das einfachste psychologische Ausdrucksmittel, das vor der Sprache da war (THURNWALD,o.J.: 216; vgl. BLACKING, 1976; 1977).” 

Und in der Anthopologie des Tanzes von Anya P. Royce lesen wir: „Tanz wurde die älteste Kunst genannt. Vielleicht ist es ebenso wahr, daß er älter als die Künste ist. Der Körper, der Muster in Zeit und Raum formt, macht den Tanz zu etwas Einzigartigem unter den Künsten und erklärt vielleicht sein Alter und seine Universalität.” (4)

In seiner Weltgeschichte des Tanzes geht Curt Sachs noch einen Schritt weiter; das Werk stammt aus dem Jahre 1933, wodurch sich vielleicht einige Besonderheiten seiner Sprache erklären. Er schreibt: 

„Der Tanz ist unsere Mutterkunst. Musik und Dichtung verlaufen in der Zeit; den Raum formen Bild- und Baukunst. Tanz aber lebt in Zeit und Raum zugleich. Noch sind Schöpfer und Geschöpf, sind Werk und Künstler Eines. Rhythmische Bewegung im Neben- und Nacheinander, gestaltendes Raumgefühl, lebendige Nachbildung erschauter und erahnter Welt – tanzend schafft sie der Mensch im eigenen Körper, bevor er Stoff und Stein und Wort zwischen sich und sein Erleben setzt.” (5)

Tanz: universale Kunst

Bleiben wir noch eine Weile bei Curt Sachs, der übrigens bis heute allenthalben zitiert wird; es gibt kaum eine größere Arbeit zum Thema Tanz, die ihn nicht im Literaturverzeichnis aufführt. Seine anhaltende Unverzichtbarkeit geht möglicherweise auf die Leerstelle zurück, von der im Folgenden noch die Rede sein wird. Auch wir wollen nicht verzichten auf seine umfassende und u.E. treffende Antwort auf unsere Frage, was denn Tanz letztendlich eigentlich ist, obwohl wir nicht immer einverstanden sind mit seinem Sprachstil: 

„Gebundene Kräfte machen sich los und suchen zweckbefreite Entladung; eingeborener Rhythmus ordnet sie zu lustvollem Gleichmaß. Gleichmaß betäubt und enthebt den Willen; willensgelöst überläßt sich der Tänzer der Seligkeit gesetzlichen Spiels, überläßt sich dem Rausch, der ihn der Ebene des Alltags, der greifbaren Wirklichkeit und der nüchternen Erfahrungstatsachen entrückt – dahin, wo Vorstellung, Ahnung und Traumerlebnis wach und schöpferisch werden. In solcher Ekstase schlägt der Mensch die Brücke zum Jenseits, zu Dämon, Geist und Gott. Besessen und verzückt bricht er die Fesseln des Irdischen und spürt erschauernd den Hauch des Weltatems. „Wer die Kraft des Reigens kennet, wohnt in Gott“, strömt es fast taumelnd von den Lippen des persischen Derwischdichters Djamaladdin Rumi. Der Tanz, von tierischen Ahnen her geordneter Bewegungsausdruck seelischer Hochspannung, steigert und weitet sich zur Gottsuche, zum bewußten Mittel, in jene Kräfte einzugehen, die über Menschenmacht hinaus das Schicksal formen. Der Tanz wird Opferhandlung, wird Zauber, Gebet und prophetische Schau. Er ruft und bannt Naturgewalten, heilt Kranke und bindet die Verstorbenen über den Tod hinaus an die Kette der Nachfahren, er verbürgt Ernährung, Jagdglück, Sieg, er segnet die Felder und menschlichen Bund. Er ist Schöpfer, Erhalter, Ordner und Wehrer. 

Aus dieser Tiefe und Breite des Wirkens wird man verstehen, daß im Leben der Naturvölker und der alten Hochkulturen kaum irgend etwas dem Tanze gleichkommt. Er ist ja nicht brotlose Kunst; im Gegenteil, er schafft Brot und alles was zum Fristen des Daseins nottut. Er ist nicht Sünde, vom Priester geächtet oder allenfalls widerwillig hingenommen, sondern heiliger Akt und priesterliches Amt; nicht freundlich geduldeter Zeitvertreib, sondern gewichtig ernste Handlung des ganzen Stammes. Keine Gelegenheit im Leben der naturnahen Völker könnte ihn entbehren. Geburt, Beschneidung und Mädchenweihe, Hochzeit und Tod, Saat und Ernte, Häuptlingsfeier, Jagd, Krieg und Schweinemahl, Mondwechsel und Krankheit – sie alle bedürfen seiner.” (6)

Tanz: eine Leerstelle in der Wissenschaft

Im eklatanten Widerspruch zu der umfassenden Bedeutung des Tanzes in den menschlichen Kulturen sehen wir das Fehlen des traditionellen gemeinschaftlichen Tanzes in den deutschsprachigen Kulturwissenschaften – im Gegensatz zu denen des englischen Sprachraums -, ein Phänomen, das uns ständig begegnet bei unseren Recherchen rund um Tanz und Tänze. Die Wahrscheinlichkeit, einen Literaturtitel zu finden, der unsere Fragen beantworten kann, ist bei englischen Titeln um ein Vielfaches höher als bei deutschen. Wir haben hierüber an anderer Stelle bereits berichtet (Folkloretanz in Deutschland und in den USA).

Die Wikipedia ist zwar nicht unbedingt repräsentativ für den Zustand der Wissenschaft, aber sie spiegelt diese Leerstelle auf augenfällige Weise wider, denn würden die Kulturwissenschaften im deutschsprachigen Raum den traditionellen Tanz seinem immensen Reichtum und seiner fundamentalen Bedeutung entsprechend behandeln, dann würde er auch in diesen gemeinschaftlich-ehrenamtlich erstellten Medium angemessen dargestellt werden.

Beispiele: 

1. Das Stichwort „Hungarian dance” liefert in der englischen Wikipedia einen Artikel mit mehr als 1.000 Wörtern über Volkstänze der Ungarn (dazu den Hinweis: „For Johannes Brahms‘ Hungarian Dances, see Hungarian Dances (Brahms).”). 

In der deutschen Wikipedia finden wir unter „Ungarischer Tanz”: „ein politischer Roman des österreichisch-ungarischen Romanciers und Journalisten Hans Habe (1911–1977). (Zu den Werken von Johannes Brahms siehe Ungarische Tänze.).” Ungarischer Tanz: ein Roman! Tänze der Ungarn fehlen. 

2. Unter dem Stichwort „Tanz” wird Volkstanz zusammen mit historischem und spirituellen Tanz in einem knappen Absatz erwähnt. Dort werden im einzelnen die folgenden genannt: Afrikanischer Tanz, Chinesischer Tanz, Bolivianische Tänze, Schuhplattler, Landler, hawaiischer Hula, südpazifischer Sitztanz, schottischer Schwerttanz. 

(Sollte etwa der deutschsprachigen Wikipedia außer Schuhplattler, Landler und schottischem Schwerttanz der ganze Reichtum der europäischen Volkstänze nicht bekannt sein? Selbst wenn die Nennungen nur als Beispiele gemeint sind, wären darunter Hora, Sîrba, Brîul, Căluș, Kolo, Čačak, Horo, Râčenica, Lesnoto, Hassapikos, Syrtos, Servos, Kalamatianos, Tsamikos, Csárdás, Verbunk, Krakowiak, Mazurka, Chorowod, Trepak, Kadril – oder doch zumindest einige dieser Haupt-Tanztypen – zu erwarten, wenn sie denn den Wikipedia-Experten bekannt wären.) (7)

Auch hier (unter „Dance”) ist die englische Wikipedia sehr viel ergiebiger. 

3. Die Stichwortsuche im Katalog der Universitätsbibliothek Freiburg liefert zu den Stichwortkombinationen „Tanz, Ethnologie” 7 Werke und zu „Tanz, Volkskunde” eins. („Volkstanz” liefert zwar 123 Titel, darunter aber zahlreiche Noten, Sammlungen und pädagogische Werke.) Das könnte ein Zufall sein, ist es aber nicht. 

Woher kommt das? 

Wie ist diese unterschiedliche Repräsentanz der Tanzkultur in den verschiedenen Wissenschaftswelten zu erklären? Eine Ursache sieht Jutta Weidig in der Geschichte der Ethnologie: „Der Tanz hat in den älteren ethnologischen Ansätzen wenig Beachtung gefunden. In der Regel wird er mit wenigen Worten oder Seiten in den Monographien und den allgemeinen Werken abgetan. Der inhaltliche Schwerpunkt des jeweiligen theoretischen Ansatzes bestimmt den Aspekt, unter dem Tanz behandelt wird. Ein eigenständiger tanzethnologischer Ansatz wird nicht entwickelt.” (8)

Erst 1960 setzte sich die US-amerikanische Ethnomusikologin Gertrude P. Kurath erstmals für die Tanzethnologie ein als „wissenschaftliche Untersuchung ethnischen Tanzes in seiner ganzen kulturellen Bedeutung, religiösen Funktion und Symbolik oder sozialen Stellung“, „als einen Zugang oder eine Methode, die Stellung des Tanzes im menschlichen Leben zu beleuchten, mit einem Wort, als einen Bereich der Anthropologie”. (9)

Ein zweiter Grund für das Desinteresse der deutschen Ethnologie am Tanz der Menschen ist in der aus der Kolonialzeit stammenden Sichtweise zu sehen: Primitivkulturen vs. (europäische) Hochkulturen, gepaart mit einem eigenartigen Begriff von „Hochkultur”. Dieser wird allein der künstlerische Bühnentanz zugerechnet und einer akademischen Behandlung würdig erachtet, während die Tänze der – „primitiven” – Völker als Exotismen mit einem gewissen Befremden betrachtet werden unter völliger Verkennung ihrer sozialen, rituellen und spirituellen Dimensionen. (10)

Drittens: Der Tanz als Kunst im zeitlichen Verlauf stellte die interessierten Ethnologen vor erhebliche Dokumentationsprobleme. Aufzeichnungssysteme für Tanz, unbedingte Voraussetzung für Analyse und Erforschung von Tänzen, gab es erst ab ca. 1950. Da war aber bereits das „Kind in den Brunnen gefallen” und das deutsche Desinteresse nur noch schwer einzuholen. In den USA jedoch, die bereits auf etliche Jahrzehnte einer „internationalen” Folkloretanzbewegung zurückblickten, blühte eine unvoreingenommene Tanzethnologie auf und brachte reichliche Früchte hervor. 


(1) Hepp, M.: Genese und Genealogie westeurasischer Kettentänze (2015) S. 107 ff

(2) Sachs, Curt: Eine Weltgeschichte des Tanzes (1933) S. 142. Tanz der Vögel: S. 7.

(3) Weidig, Jutta: Tanz-Ethnologie – Einführung in die völkerkundliche Sicht des Tanzes. Hamburg 1984, S. 30

(4) „Dance has been called the oldest of the arts. It is perhaps equally true that it is older than the arts. The human body making patterns in time and space is what makes the dance unique among the arts and perhaps explains its antiquity and universality.” Royce, Anya P.: The Anthropology of Dance. 1977, S. 3

(5) Sachs 1933 S. 1

(6) a.a.O. S. 1f

(7) „Folkloristischer, historischer und spiritueller Tanz
Eine herausragende Stellung nimmt in vielen Belangen der Volkstanz ein. Die Unterartikel Afrikanischer Tanz, Chinesischer Tanz und Bolivianische Tänze gehen örtlich spezialisiert auf die Vielfalt dieses Gebiets ein. Bekannte Volkstänze des deutschen Sprachraums sind der Schuhplattler und der Landler, aus dem sich später der Wiener Walzer entwickelte. Ein Beispiel für einen international bekannten Volkstanz ist der hawaiische Hula. Technisch herausragende Volkstänze sind der südpazifische Sitztanz, der im Sitzen getanzt wird, und der schottische Schwerttanz, der mit Schwertern getanzt wird.”

Wenige selbständige Einträge über ein paar bulgarische und andere Tänze existieren zwar, sind aber aus dem Lemma „Tanz” heraus nicht verlinkt.

(8) Weidig 1984 S. 40

(9) Kurath, Gertrude P. 1960, zit.b. Weidig 1984 S. 42

(10) „Im Evolutionismus [einem frühen Ansatz der Ethnologie], dessen Vertreter mit ihrer empirischen Arbeit eine universale gleichartige Entwicklung von Kulturen aufzeigen wollten, betrachtet man Tanz unter dem Aspekt einer Entwicklung vom Niederen zum Höheren, die mit einer Unterscheidung von ‚primitiven‘ und ’nicht-primitiven‘ Tänzen einhergeht. Die ‚primitiven‘ Tänze werden als Vorstufe unserer eigenen ‚zivilisierten‘ Tänze dargestellt. Das Tanzverhalten wie allgemein das Verhalten der ‚Primitiven‘ vergleicht man mit dem der Kinder (FREUD, 1956); eine Annahme, die noch in „The Encyclopedia Americana”, Vol. 8, von 1958 vertreten wird).” Weidig 1984 S. 40