Zwei Viertel

Bulgarisch = ungerade, oder?

Über die ungeraden Takte in der bulgarischen Volksmusik wird innerhalb und außerhalb der Fachliteratur viel geschrieben, viel mehr als über die geraden; Beispiele siehe unten. Der Fokus auf diese Taktformen ist durchaus nachvollziehbar, aber irreführend. Er zeichnet ein Bild der Rhythmen, in dem der 2/4- und der 4/4-Takt fehlen (1) und allein die Ungeraden Interesse verdienen. Sogar der bulgarische Ethnomusikologe Nikolaj Kaufman widmet in seinem Buch über die bulgarische Volksmusik (2) den ungeraden Takten ein eigenes Kapitel, erwähnt aber den 2/4-Takt mit keinem Satz. 

Kaum eine ethnomusikologische Arbeit kommt ohne die Erwähnung von Béla Bartóks Begriffsprägung „bulgarische Rhythmen” für die ungeraden Takte aus (Timothy Rice, Anca Giurchescu, Nikolaj Kaufman, Vera Proca-Ciortea (3)). Das führt dazu, dass allenthalben geglaubt wird, ungerade Takte seien bulgarisch – oder noch schlimmer: „die” bulgarischen Tänze hätten ungerade Rhythmen. (Nun gut, wir wissen, dass wir hier behaupten, dass etwas behauptet würde. Aber in der Tendenz ist das u.E. nicht völlig aus der Luft gegriffen.) Sowohl Giurchescu (4) als auch Hepp weisen jedoch darauf hin, dass „krumme” Takte auch in älteren Schichten der Musikgeschichte West- und Mitteleuropas zu finden sind. Hepp erwähnt z.B. einen Beleg bei Neidhart von Reuental, erste Hälfte des 13. Jh.: „Mach uns den krumben raigen, den, den man hinken soll, der gefelt uns allen wol!” (5)

Das Aschenputtel-Schicksal hat der 2/4-Takt nicht verdient angesichts seiner vielfältigen rhythmischen Ausprägungen; allein achtzehn bulgarische 2/4-Tänze sind in dem Buch „Die bulgarische Tanzfolklore” (S. 75ff) beschrieben – und das sind nur einige Beispiele. Für Rumänien stellt A. Giurchescu über Hundert „rhythmische Formeln” für den 2/4-Takt zusammen (6).

Ungerade = „schwierig”

Die deutsche Wikipedia versteigt sich in ihrem Bulgarien-Artikel zu der Behauptung: „Ungerade Takte, wie zum Beispiel 5/8, 7/8 und 9/8, machen diese Musik schwierig zu spielen.” Mit dem Ohr an unserer Folkloretänzergemeinde könnten wir hinzufügen: „und schwierig zu tanzen”. Wer in seinem bisherigen Leben nichts anderes als binäre Rhythmen kennengelernt hat, mag mit 7/8 oder 9/16 ein Problem haben. Folgt man jedoch dem griechischen Musikwissenschaftler Thrasybulos Georgiades, ergeben ungerade Rhythmen sich mühelos aus der Melodie der Sprache (7). Und wer hüpfende Kinder beobachtet, kann sich schwerlich dem Eindruck entziehen, der Pajduško-Rhythmus (5/8: 2-3) sei eine vollkommen natürliche Art, sich zu bewegen.  

Keine Frage – die ungeraden Takte und ihre vielen Varianten ziehen sehr viel Interesse auf sich, sowohl unter Ethnomusikologen als auch unter den Folkloretänzern. Die Ungeraden mögen interessant oder gar charakteristisch für bulgarische Tänze sein (8) – R. Kacarova stellt dennoch fest: 

„Der 2/4-Takt ist der verbreitetste in der bulgarischen Tanzmusik.” (9) 

Schauen wir selbst nach … Unter den Tanzmelodien, die Krasimir Petrov in seinem Werk über die bulgarischen Volkstänze veröffentlicht hat – hier als Beispiel der 4. Band: Der mittlere Westen („Šopluk”) – (10), finden wir 41 von 73 (= 56 %) im 2/4-Takt. Weniger als die Hälfte teilen sich also mindestens sechs verschiedene ungerade Taktarten (5/8, 7/8, 9/16, 11/16, 13/16, 15/16). In Petrovs vier weiteren Bänden dürfte das Ergebnis ähnlich ausfallen. Auch in dem überaus interessanten Buch von Martha Forsyth über die bulgarische Sängerin Linka Gekova Gergova (* 1904) und ihre Musik (11) finden wir diese Feststellung bestätigt. Der überwiegende Teil ihrer Notationen steht im 2/8-Takt. Dass sie in Achteln notiert, sollte uns nicht sonderlich stören, denn 

„2/4” oder „4/8” – oder „2/8”? 

beziehungsweise: Wann reden wir denn von Vierteln, wann von Achteln (und entsprechend von Sechzehnteln)?

A. Giurchescu legt sich auf ein bestimmtes Tempo fest. Wenn die Taktschläge 260 bpm (oder M.M.) überschreiten, handelt es sich ihr zufolge um Achtel, unter 240 bpm um Viertel (12). Sehr aufschlussreich ist hier der Übergangsbereich zwischen 240 und 260 bpm: Ob man Viertel oder Achtel (oder Sechzehntel) schreibt, ist innerhalb gewisser Grenzen ganz offensichtlich eine Frage der individuellen Entscheidung oder auch der Konvention. Daher finden wir bei Tanzbeschreibungen und Noten so oft bei denselben Tänzen mal Achtel (z.B. 7/8), mal Sechzehntel (7/16). 

Der rumänische Musikwissenschaftler Traian Mîrza plädiert dafür, die Achtelnote als grundlegende Zeiteinheit festzulegen (13), während Martha Forsyth alles in Sechzehnteln notiert (5/16, 7/16, 11/16 usw), so dass binäre Takte bei ihr als „2/8” (= 4/16) stehen. 

Vier Viertel?

Wenn nun aber in nordamerikanischen Tanzbeschreibungen bulgarische 2/4-Tänze als „4/4” beschrieben werden, dürfte dies in den meisten Fällen auf eine Anpassung an Gepflogenheiten in der westlichen Musik zurückzuführen sein. Da steht eine große Zahl an Stücken in 4/4, während dagegen Bulgarien fast ausschließlich in 2/4 notiert. Dennoch könnte es sich lohnen, einmal ganz genau hinzuhören: Ist hier immer der erste von zwei (2/4) oder der erste von vier (4/4) Schlägen betont? Oder wurden etwa vier Achtel als 4/4 dargestellt? Wie steht es da mit dem Tempo? 

Trotz vieler Antworten müssen wie so oft eine Reihe Fragen offen bleiben. 


(1) So z.B. in Hepp, Michael: Genese und Genealogie westeurasischer Kettentänze. Münster 2015, S. 362

(2) Kaufman, Nikolaj: Bulgarische Volksmusik. Varna 2005, S. 33

(3) Rice, Timothy: Music in Bulgaria. New York u. Oxford 2004, S. 80; Giurchescu, Anca, Sunni Bloland: Romanian Traditional Dance, a contextual and structural approach. Bukarest 1992, S. 110; Kaufman, Nikolaj: a.a.O.; Proca-Ciortea, Vera: Der Rhythmus der rumänischen Volkstänze. Wien 1968, zit. b. Jacques Loneux: Rumänien – ein Land und seine Tänze, Stembert 1995, S. 51.

(4) Giurchescu a.a.O.

(5) Hepp a.a.O. S. 253

(6) Giurchescu a.a.O. S. 99ff

(7) Georgiades, Thrasiboulos: Musik und Rhythmus bei den Griechen. Hamburg 1958, S. 54ff, zit. b. Hepp S. 372

(8) „However, the most characteristic rhythms of Bulgarian dance music are the Bulgarian rhythms”, Kacarova, Rajna u. Kiril Dženev: Bulgarian Folk Dances. Sofia 1958, S. 63

(9) „The 2/4 beat … ist the most common in Bulgarian dance music.” Kacarova a.a.O. S. 62

(10) Petrov, Krasimir: Bâlgarski narodni tanci ot sredna zapadna Bâlgarija. Varna 2004.

(11) Forsyth, Martha: Slušaj, šterko, i dobre zapomni … (englischer Titel: Listen, Daughter, and Remember Well …) Sofia 1996

(12) „Therefore, when the tempo reaches over Mm. one eighth note = 260, the quick pulsation is comprised of two sixteenths, or one eight, and the slow of three sixteens, or one dotted eight. When the Mm. is under 240, the underlying beat is the eighth note.” Giurchecu S. 110.
Anm.: Die Autorin schreibt hier vom ungeraden Takt in 2-2-3; „the underlying beat” sind die zwei Pulsationen der kurzen Taktteile, bei 240 bpm oder weniger sind dies folglich zwei Achtel.

(13) Traian Mîrza (1972) zit. b. A. Giurchescu (1992), S. 95: „According to Mirza’s theory, the value of the eighth note should be considered the common underlying temporal unit, with the formula 8/8 the most constant and general rhythmic/metric framework. Formulas of 4/8, 6/8, and 12/8 also exist.”