Das Dorftanzrepertoire: klein und schlicht?

In Publikationen und Diskussionen innerhalb der Freizeittanzszene (1) taucht gelegentlich die Feststellung auf, „wir” tanzten mehrere hundert Folkloretänze, während diejenigen, auf deren Tanzpraxis wir uns doch berufen, über ein Repertoire von lediglich einer Handvoll Tänze verfügten, und diese seien obendrein – noch ein gravierender Unterschied zu „unseren” Gepflogenheiten – vor allem recht einfache Tänze. 

Stimmt das? Verfügen die Menschen in den Dörfern der Ursprungsgebiete „unserer” Folkloretänze lediglich über ein Repertoire aus wenigen einfachen Tänzen? Diesen Eindruck konnte in der Tat gewinnen, wer einmal z.B. in einem bulgarischen Dorf miterlebte, wie einen Abend lang getanzt wurde: Pravo horo, Eleno mome, Dajčovo, Svištovsko. – Und jeweils drei- bis fünfmal so lang wie unsere CD-Tracks.

In ihrem Buch über den rumänischen traditionellen Tanz (2) beschreibt die rumänische Ethnochoreologin Anca Giurchescu die Ergebnisse von 26 Jahren Feldforschung über das Tanzrepertoire rumänischer Dörfer (3). Das Bild, das sie zeichnet, ist erheblich komplexer: 

  • Das Repertoire eines Dorfes kann erheblich größer sein als „eine Handvoll”; Giurchescu nennt eine Anzahl von bis zu 60 Tänzen. 
  • Ein großes Repertoire neigt dazu zu schrumpfen, ein kleines zu wachsen. 
  • Traditionelle Tänze können aufgegeben werden und als „veraltet” gelten, 
  • neue Tänze können von außen (aus anderen Regionen oder aus dem städtischen Gesellschaftstanz) in das Repertoire eingeführt werden. 
  • Das Repertoire eines Dorfes ist strukturiert. 

Eine besondere Gruppe bilden die rituellen Tänze, die zu besonderen Anlässen (herausgehobenen Festen wie Hochzeiten: Hora miresii, Hora nunții, Totengedenken: Joc de pomană) bzw. Ritualen (Căluș, Paparuda) getanzt werden. Das nicht-rituelle Repertoire umfasst sporadisch getanzte Tänze, darunter die „der älteren Generation”, die über den Status der Latenz bis in den „obsoleten Fundus” gelangen können, sowie die häufig getanzten Tänze, die das aktuelle Repertoire (current repertoire) und damit die größte Untergruppe bilden. 

Wie alles Lebendige ist auch die Struktur des Repertoires in ständigem Wandel, da es einem permanenten Selektionsprozess (Giurchescu: process of selection) unterliegt. Außer den bereits erwähnten Zu- und Abgängen können Tänze auch die Gruppe wechseln. Sie können allmählich von den aktuellen zu den Tänzen der Älteren wechseln oder umgekehrt wiederbelebt werden und in das aktuelle Repertoire zurückkehren. Neue Tänze, die zunächst nur sporadisch getanzt wurden, können Gefallen finden und in das häufig getanzte current repertoire wechseln oder – wenn sie nicht gefallen – wieder ganz aus dem Repertoire verschwinden. Anca Giurchescu führt diesen stetigen Wandel zurück auf den wechselnden Geschmack und die unsteten Vorlieben der jüngeren Generation, die zu einer gegebenen Zeit bestimmte Tänze aus vielerlei Gründen, wegen ihres Tempos, ihrer Komplexität, der Form als Paartanz oder einfach weil sie als „modern” gelten, bevorzugen. (4)

Allein die Größe eines Repertoires sagt noch nichts aus über seine Qualität. Dörfer in Zentral- und Nordtranssylvanien z.B. verfügen nur über zehn oder sogar weniger Tänze, die sich aber durch einen großen Reichtum an Figuren und Rhythmen und einen hohen Grad an Improvisation auszeichnen. Sie können dadurch mühelos konkurrieren z.B. mit Oltenien oder Muntenien, die vielleicht doppelt oder dreimal so viele Tänze in ihrem Repertoire zählen. Allerdings, so wird oft mit Recht eingewandt, stehen komplexe Tänze im Verdacht, choreographiert zu sein und dadurch nicht zur lebendigen Tradition einer realen Gemeinschaft zu gehören. Krasimir Petrov und Nikolaj Cvetkov berichten jedoch in ihren Büchern über die bulgarische Tanzfolklore (5), dass es zur Tanztradition der Dörfer gehört, dass besonders begabte, geschickte Tänzer ihre speziellen, komplexen, oft virtuosen Varianten entwickelten und diese ggf., wenn sie „gut ankamen”, ins allgemeine Repertoire Eingang fanden. 

Wir sehen: Die RIFD-Szene hält mit mehreren Hundert Tänzen weiterhin den Rekord. Sie macht es sich aber allzu einfach mit ihrer Behauptung von dem kleinen und schlichten Repertoire der südosteuropäischen Dörfer. 


(1) Freizeit-Folkloretanz im angelsächsischen Sprachraum: „Recreational International Folk Dancing”. Wir kürzen ab: RIFD.

(2) Giurchescu, Anca mit Sunni Bloland: Romanian Traditional Dance. A Contextual and Structural Approach. Bukarest 1992.

(3) „The Romanian village repertoire” a.a.O. S. 63 ff.
Don Buskirk zitiert den entsprechenden Abschnitt aus diesem Kapitel auf seinen Folkdancefootnotes.

(4) „This phenomenon is partially a by-product of the varying tastes of the younger generation at a given period of time. The youth may selectively popularize dances for any number of reasons, such as tempo, degree of complexity, the fact that they are couple dances, or because they are seen as fashionable or modern. In addition some dances become popular because they do not require a leader or a specific number of participants, either of which may not always be available. As a result of this process of selection, some dances are rarely performed and eventually disappear from the active (current) repertoire. Of the 15 or 20 dances still known today in some villages of the sub-Carpathians and Oltenia, only two, Hora and Sârba, are commonly performed. In this way some dances develop an exaggerated level of importance.” a.a.O. S. 64.

(5) Cvetkov, Nikolaj: Tancovijat Folklor na Petrič. Petrič 2000
Petrov, Krasimir: Bâlgarski narodni tanci ot severoiztočna Bâlgarija (Dobrudža). Sofia 1993
Ders.: Bâlgarski narodni tanci ot severozapadna i sredna severna Bâlgarija. Sofia 1993
Ders.: Bâlgarski narodni tanci ot Trakija. Sofia 1995
Ders.: Bâlgarski narodni tanci ot Šopluk. Sofia 
Ders.: Bâlgarski narodni tanci ot sredna zapadna Bâlgarija. Varna 2004.
Ders.: Bâlgarski narodni tanci ot jugozapadna Bâlgarija (Pirin). Varna 2008.