Vor ein paar Wochen war ich zu Besuch bei einer Tanzgruppe in einer anderen Stadt. Dort wurde Walenki getanzt und ich sprach den Vortänzer darauf an, ob er den neuesten Artikel darüber auf TANZRICHTUNG gelesen habe. Ja, sagte der, aber es gehe ihnen doch in erster Linie um den Spaß.
In dieser kleinen Szene am Rande scheinen zwei rote Fäden auf, die sich durch unsere Arbeit an diesem Internetmagazin ziehen: Unser Bemühen um evidenzbasierte oder zumindest verbürgte, korrekte Informationen über unsere Tänze einerseits und andererseits eine häufige Abwehrreaktion darauf mit der Klage, wir wollten den Tänzerinnen und Tänzern den „Spaß“ wegnehmen. Das ist natürlich Unsinn.
Es geht allein um Information und Nicht-Information, Falschbehauptungen und Fake News über Folkloretänze, die allerdings in großer Zahl Verwirrung stiften und weit verbreitet sind (und auch durch unsere TANZRICHTUNG nicht ausgerottet werden können). Darüber haben wir hier wie gesagt schon oft geschrieben. [S. u.a.: Joc de leagăne: „ein alter, traditioneller Tanz“, Ethnomusik: Tirili und Tralala!, Die Tradition im Blick – spaßfreie Zone?, Misirlou, Otkoga usw.]
Das grundlegende, umfassende Paper zu diesem Thema von Radboud Koop haben wir bereits an anderer Stelle erwähnt [s.o.: Joc de leagăne: „ein alter, traditioneller Tanz“]. Es ist jetzt in Buchform veröffentlicht worden; wir möchten es unseren interessierten Lesern wärmstens empfehlen.
Ausgehend von der Beobachtung, dass die in den Freizeittanzgruppen getanzten Tänze sich deutlich von denen unterscheiden, die in den Herkunftsorten üblich sind, hat Radboud Koop die Prozesse, die mit der Übertragung der „ursprünglichen“ Volkstänze auf das Repertoire der Freizeittanzszene verbunden sind, erforscht. Dabei
„entdeckt man, dass dieses Bild von „traditionellen“ Tänzen nicht wirklich korrekt ist, sondern es wird deutlich, dass der Weg vom „Dorf“ zur Freizeittanzgruppe viele Stufen und Schichten ausmacht, in denen „Agenten“ und ihre persönlichen Entscheidungen und Einflüsse eine große Rolle spielen, was zu weniger oder mehr Transformation des Tanzmaterials führt. Gleichzeitig glauben viele Teilnehmer der hauptsächlich westlichen Freizeittanzszene immer noch, dass sie „traditionelle“ Volkstänze tanzen.“ (a.a.O., Vorwort S. 3) (1)
R.K. untersucht die Phasen und Agenten, die an diesem Prozess beteiligt sind und stellt sie detailliert dar. Hier ist sein Paper: The Myth of Village Source of Recreational Folk Dances.
Wir sind Radboud Koop dankbar dafür, dass er uns sein Paper zur Verfügung gestellt hat und laden unsere Leser ein, sich an der Diskussion (s.u.) zu beteiligen.
(1) „one discovers that this image of “traditional” dances is not really accurate, rather it becomes clear that the path from the “village” to the recreational dance group constitutes many stages and layers, in which “agents” and their personal choices and influences play a large role, leading to less or more transformation of the dance material. At the same time, many participants in the mainly western, recreational folk dance community, still believe they are doing “traditional” folk dances.“