Ethnomusik: Tirili und Tralala!

Ist Folkloremusik mehr als „tralala“ und „tirili“? Selbstverständlich! Was für eine Frage! Dann hat sie also eine bedeutsame Verbindung zu ihrem Entstehungskontext? Warum erfahren wir dann so wenig über den Ursprung der Musik unserer Folkloretänze? Wer spielt sie? Woher kommen die Musiker? Was sind das für Leute? Inwiefern sind ihre Herkunft und ihre Biografie von Bedeutung für die Musik, die sie spielen? Warum klingt die Musik so, wie wir sie hören? Welche Bezüge hat diese Musik sonst noch, z.B. zu den Anlässen, zu denen sie gespielt wird? 

Der US-amerikanische Musikethnologe Michael E. Veal erklärt im taz-Gespräch am 22.03.2019

„Die Zirkulation der sogenannten World Music beinhaltet immer ihre Loslösung von den Entstehungsorten und der Zeit. Das hat eine politische Komponente. Wir sind im Westen privilegiert, weil wir die Musik hören, ohne dass wir uns mit ihrer Entstehungsgeschichte auseinandersetzen müssen. Niemand, der an dem Business beteiligt ist, agiert aus Idealismus. … Einfach die Sounds aus dem Kontext zu reißen und sie einer westlichen Hörerschaft aus ästhetischen Gesichtspunkten unterzujubeln, das finde ich zu billig.“

taz am 22.03.2019

Genau dieses „billige ästhetische Unterjubeln“ geschieht in unserer „internationalen Folkloretanz“-Szene, solange niemand sich verpflichtet fühlt, darüber aufzuklären, was wir da hören. Nicht einmal die Mehrzahl derjenigen, die diese Musik zu uns bringen, sehen da eine Aufgabe. So wird die Folkloremusik in der Tat zu einem „Tirili und Tralala“ – erst recht, wenn wir Tänzer noch nicht einmal erfahren, wovon der Text des Liedes erzählt, zu dem wir gerade getanzt haben. 

Ebenso verhält es sich mit den Tänzen, die zu hübschen Bewegungen regelrecht verkommen, wenn die  Hintergrundaufklärung völlig fehlt. 

Dabei gäbe es durchaus Hochinteressantes zu berichten; Beispiele sind hier auf TANZRICHTUNG und noch mehr in „33 bulgarische Tanzlieder“ zahlreich zu lesen. 

Wir erfahren z.B. nicht, wie es kommt, daß die eine Einspielung eines Tanzes so mechanisch-maschinenhaft wirkt, die andere dagegen lebendig, sensibel, wohlklingend. Und es wäre wahrlich kein Kunststück, ein paar Takte über die Musiker, das Orchester, die unterschiedlichen Stile und Moden, die es ja auch in der zeitgenössischen Folkloremusikpraxis gibt, zu sprechen. Letztlich manifestiert sich in diesem bedenkenlosen Gebrauch von Musikstücken ein mangelnder Respekt gegenüber denjenigen, die sie hervorgebracht haben. 

Wir meinen, Tanzleiter – auch diejenigen, die an zweiter, dritter oder x-ter Stelle Tänze weitergeben – müßten wissen, daß Folkloretanzmusik nicht irgendwie spontan aus der Luft entsteht; sie wurde von Künstlern gemacht, die nicht weniger als die Choreographen einen Anspruch darauf haben, genannt zu werden. Und besonders dann, wenn man von der Überlieferung abweichend Äpfel mit Birnen mischt, z.B. einen makedonischen Tanz mit einem Roma-Lied aus Ungarn kombiniert (1), sollten die Tänzer dies erfahren. 

Zweitens ist es ein kleiner, aber ganz wesentlicher Beitrag zum Verständnis fremder Kulturen, wenn die gehörten Liedtexte mit dem entsprechenden Tanz verbunden werden können. Unzählige Male haben wir von verschiedenen Tanzlehrern gehört, daß sie keine Texte für ein bestimmtes von ihnen verwendetes Lied hätten und auch nicht wüßten, worum es darin geht. Sieht so Kulturarbeit aus? Und wenn die Vermittlung von Fokloretänzen keine Kulturarbeit ist – ist es dann schlichtes Business?

Und schließlich: die Tonqualität! Im Einzelfall mag es nicht anders gehen, aber die Anzahl der aus Youtube-Videos generierten schlechten Tanzmusik-Aufnahmen, die wir in den letzten Jahren präsentiert bekommen haben, nimmt ständig zu. Die Klangqualität wäre auf einer echten CD oder in einem gekauften Musikdownload wesentlich besser. Wer Tonträger und offizielle Downloads in die Musiksuche einbezieht, wird sich darüber hinaus auch stärker mit den Interpreten beschäftigen, als wenn er sich schnell etwas vom anonymen Youtube-Grabbeltisch zieht. 

An dieser Stelle trennt sich „Tralala“ von Kulturvermittlung mit echter Substanz: an der Sorgfalt und Verantwortlichkeit im Umgang mit Musikmaterial. Dies trifft übrigens ebenso auf die Tänzer zu. Jeder kann aktiv werden und nach Hintergründen, Texterklärungen, Quellen fragen. Sie haben es mit in der Hand, ob ihr Tanzmaterial hübsch beliebig bleibt oder ihnen Ausblicke in die jeweilige Kultur erlaubt.  


(1) Beispiele:
1. Jeni jol auf Rumelaj.
2. Romsko Bitolsko oro von Paul Mulders auf Tu jésty fáta der Band Kanizsa Csillagai, neu interpretiert vom Schweizer Trio Weliona.

Ein Gedanke zu „Ethnomusik: Tirili und Tralala!

  1. Sehr Interresanter Beitrag.
    Ich pflege das schon seit Jahren so, dass ich immer auch die Interpreten wissen möchte. Und am besten noch die Solo-Instrumente. Während man bei einem Gajda-Solo ganz gut heraushört, dass das ein Solo ist, und dann evtl. nachfrägt, wer das gespielt hat, geht es bei anderen Instrumenten wie der Gadulka oft unter.
    Und bei Panflöten-Musik aus Rumänien denken die meisten wahrscheinlich direkt an Georghe Zamfir, jedoch wissen sie dann nicht, dass es auch Radu Simion und andere gibt, die ebenso gut spielen.
    Leider haben viele Tanzlehrer aus Osteuropa die Herkunft Ihrer Aufnahmen verschwiegen, teils auch weil sie wahrscheinlich diese Aufnahmen nicht immer ganz legal weiterreichten. Wie das halt so war, zu Zeiten von Musikkassetten.
    Und auf den Platten von Alexandru und Mihai David finden sich auch keine weiteren Angaben dazu, genauso wie bei der Amerikanischen Plattenserie „Folkdance Underground“.
    Andere Tanzlehrer hingegen sagen einem genau, wer das spielt (z.B. Tom Bozigian oder Michael Ginsburg, letzterer gar mit eigener Musikgruppe).

    Der deutsche Schallplattenverlag Walter Kögler hat, wo immer es möglich war, die Interpreten auf das Label unter dem Tanznamen gedruckt. Manchmal war das jedoch auch nicht immer so ganz korrekt. So ist hier auf den Single-Platten mit English Folk Dances als Interpret „Cecil Sharp House Folk Dance Band“ angeben. Als ich vor Ort, im Cecil Sharp House in London recherchierte, musste ich feststellen, dass solch ein Band unter dem Namen gar nicht existiert.
    Und wenn ich zum Abschluss des Kommentares nun noch nach Deutschland blicken, dann stelle ich fest „Bei uns findet sich auf (fast) jeder Platte die Angabe zum Interpreten. Vielleicht auch deswegen, da wir unsere eigenen Musiker und Gruppen wohl eher vergraulen würden, wenn wir sie nicht nennen.
    Wäre doch schön, wenn das auch bei Ausländischen (Osteuropäischen und Vorderasiatischen) Bands der fall wäre.
    Aber ist so. Schade, schade…

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