Wo sind unsere Reigen geblieben? – Nachtrag

Landläufig wird die christliche Kirche verantwortlich gemacht für die Unterdrückung des Tanzens. Das trifft jedoch nur teilweise zu. Denn im Unterschied zur weltlichen Obrigkeit ging es der Kirche nicht um die Sicherung ihrer Macht und die Bekämpfung subversiver Aktivitäten. Der Historiker Gregor Rohmann (1) zeichnet im Detail die Auseinandersetzungen um das Tanzen im Spätmittelalter und der beginnenden Neuzeit nach. Er legt dar, dass der Klerus damals nicht gegen das Tanzen überhaupt argumentierte, sondern den Tanz in religiösen Räumen und Kontexten einzuhegen suchte. Im Kern ging es dabei lediglich um das Monopol des Klerus auf die Kommunikation mit Gott. 

„Der Tanz im Sakralraum wurde zunächst, soweit sich dies beim jetzigen Forschungsstand sagen lässt, nicht verboten, sondern geduldet, wenn er in der Form den Ansprüchen der Pietät entsprach. […] Um den Tanz etwa als Teil der Fest- und Unterhaltungskultur einhegen zu können, musste man ihn wirksam seiner kosmologischen Bezüge berauben. Die Vorstellung, dass Tanz einfach nur Tanz und eben nicht kosmische Mimesis sei, ist also ein Produkt der Aufspaltung von »sakral« und »profan« im Zuge der christlichen Durchdringung Europas.“ (S. 223) 

Damit hat die Kirche eine Entwicklung vorangetrieben, an deren Ende die Volkstänze – ursprünglich mit starken spirituellen Bezügen (2) – heute nicht nur in der RIFDC, sondern auch in ihren Ursprungsländern zu einer besondern Art Sport verkommen sind. (3)

Diejenigen, die tatsächlich den Tanz des Volkes (und mit ihm einen großen Teil der Volksbräuche) unterdrückt, verboten und schließlich vernichtet haben, sind nicht in den Reihen der Kirche, sondern unter den weltlichen Inhabern der Macht zu finden. Ihnen ging es nicht um theologische Differenzierungen, sondern schlicht um die Sicherung ihres Gewaltmonopols. 

Aber das Volk tanzte doch weiter – ? Sicher, allerdings nicht mehr die von oft frechen (politischen!) Liedern begleiteten alten Reigen, sondern die Tänze der Aristokratie, die – gänzlich ohne politischen Subtext – vom Bürgertum übernommen und schließlich den Bedürfnissen des bäuerlichen Milieus angepasst wurden und als Volkstänze bis in die Gegenwart getanzt werden. 


(1) Tanzwut. Kosmos, Kirche und Mensch in der Bedeutungsgeschichte eines mittelalterlichen Krankheitskonzepts. Göttingen 2013. Hierzu: S. 180 ff.

(2) Siehe u.a. Căluș – ein Ritual im Niedergang, Ursăreasca: Bären und andere Masken und die Feuertänzer (Nestinari) im Abschnitt „Die neue Ordnung nach 1989“ des TR-Artikels Tanzreisen nach Bulgarien.

(3) Vgl. Folkloretanz in Deutschland und in den USA (dort der Abschnitt „Publikationen“) und Diljana Kurdovas Begriff ’folk fitness’, Vortrag 24.05.2026.