Ein persönlicher Einspruch
Das werde ich vermutlich nie vergessen: In meiner ersten psychologischen Vorlesung in Frankfurt berichtete Professor Süllwold (immer mit Stockschirm im Hörsaal) von „amerikanischen“ Kindern. Das war im November 1966, jetzt sechzig Jahre her. Diese Kinder sahen auf einem Ausflug auf einer Weide ein Tier, über dessen Geschlecht sie sich nicht einig waren. Da stimmten sie einfach ab. Ich war völlig perplex, wie man per Abstimmung die Wirklichkeit bestimmen will! Diese Auffassung des Primats der Meinung über die Realität scheint dort, jenseits des Großen Teichs, tiefer verwurzelt, als es bei den heutigen politischen Verhältnissen dort den Anschein hat.
Eine hochinteressante und erhellende Debatte im EEFC (1) zeigt, wie wenig empirische Fakten bei der Frage „was ist korrekt?“ dort auch in Teilen der RIFDC (1) gelten, auch heute.
Da berichtet Judy Stafford, in ihrer RIFD-Gruppe sei sie „vehement überstimmt“ worden, als sie darauf bestand, serbisch werde immer im offenen Kreis getanzt – Nein! hieß es da, wir tanzen das im geschlossenen Kreis.
Sie wendet sich nun an die EEFC-Community mit der Frage, „do Serbians ever dance in a closed circle?“ Schnell antworten einige Folkdancers, darunter so kompetente Experten wie Alexander Marković und Cheryl Spasojević. Die einen stellen klar, dass serbisch grundsätzlich, mit Ausnahmen, im offenen Kreis (oder Reihe) getanzt wird, die anderen werben um Verständnis für Staffords Gruppe, das Tanzen im geschlossenen Kreis sei aus der spezifischen Geschichte der Gruppe zu erklären.
Aber – jetzt kommt’s! Eine S.M. – mit einem pompösen footing von einer Provinzgruppe in North Carolina in ihrer Mail – ergreift Partei für die Gruppe und argumentiert, Tänze änderten sich ebenso wie Sprache und Musik im Laufe der Zeit und „gehörten“ denjenigen, die sie praktizierten („owned by those who are practicing the dance regularly“).
„Da wir Amerikaner diesen Tanz seit über 50 Jahren machen, haben wir uns zu unserer eigenen serbisch-amerikanischen IFD-Kultur (1) entwickelt“ („As we Americans have been doing this dance for over 50 years, we evolved to own our own IFD Serbian-American culture.“)
So …
Dass es eine eigene „amerikanische“ IFD-Kultur gibt, wollen wir gerne glauben. (Gemeint sind natürlich wie immer nur die USA, nicht auch die vielen anderen amerikanischen Länder.) Aber „serbisch-amerikanisch“? Welche Serben sollen denn an deren Entwicklung beteiligt gewesen sein? Ich vermute, wenn es da Serben gab, haben sie diese Entwicklung eher erlitten als mitbestimmt. Was mir aber wirklich schlimm scheint, ist der Anspruch, sich einer fremden Kultur bedienen zu können und daraus eine „eigene Kultur“ zu stricken. Erhellend ist auch die Wortwahl, man „besitze“ jetzt diese Kultur („to own our own IFD Serbian-American culture“). Gegen diese „kulturelle Aneignung“ protestieren vor allem Angehörige der betroffenen Kulturen, erst recht wenn dabei die übernommenen Kulturelemente verfälscht werden, so wie hier in diesem Fall.
Dann setzt ein R.K. noch einen drauf und schreibt: „Entspannt Euch mal!“ („Folk dance clubs need to relax about things like this.“)
„Da legst di nieder!“ Echt.
(1) Abkürzungen:
EEFC: „Das East European Folklife Center (EEFC) [Berkeley, CA, USA] ist eine gemeinnützige Organisation, deren Aufgabe es ist, die traditionelle und auf Traditionen basierende Musik, Tanz und Kulturen des Balkans zu fördern, zu feiern und die Öffentlichkeit darüber aufzuklären.“ (EEFC-Webseite)
RIFDC: recreational international folk dancing community – die internationale Freizeit-Folkloretanzszene (oder -Gemeinde)
RIFD: entsprechend der Freizeit-Folkloretanz
IFD: dito ohne „recreational“