Cone, milo čedo: das liebe Kind und seine Verwandten

Warum ist Cone, milo čedo interessant genug, um hier genauer betrachtet zu werden?

  • Erstens: Der Tanz und seine verschiedenen Musikeinspielungen sind uns seit den 1970er Jahren immer wieder begegnet. Meine Musiksammlung enthält 16 Cone-milo-čedo-Aufnahmen von 6 verschiedenen Einspielungen. Es sind die folgenden: 

1. Tsone milo chedo auf LP “World Library of Folk and Primitive Music Vol XVII: Bulgaria”, coll. A.L. Lloyd, Columbia KL 5378 (1954). Dieselbe auf LP „Folk Music of Bulgaria” Topic Records, 12T107 (1964) und Topic Records TSCD 905 (1966 und 1994), sowie auf Dennis Boxells 33rpm-Schallplatte “Dances of Bulgaria” – Bulgarian Folk Orchestras, DB 8404-A (o.J.).

2. Tsone milo tsedo auf LP „Bălgarski narodni tanci”- Orkest Brandon, Nevofoon/Leegwater 15025 (1977).

3. Cone, milo čedo auf LP ”Jordanka Ilieva & Ilija Dimitrov – gajda”, Balkanton BHA 10261 (1979) – von dieser stammt die unten folgende Hörprobe.

4. Dzan Kalino + Cone milo čedo “Ej, Gino, Džan Kalino” auf CD “The Key to the Mystery vol. 5 – Ljubovna Prikazka”, Dragostin Folk National, DFN 005 (1998). Dieselbe auf Irena Staneva CD 2 (2004).

5. Cone Milo Čedo auf Kurscassette von Stefan Văglarov, Freiburg i.Br. 1992.

6. Cone Milo Čedo auf Kurscassetten von Irena Staneva Asparuhovo/BG (Akk. solo Marin Račev?) 1992, 1993, 1994 und 1998.

Cone, milo čedo, Hörprobe von Nr. 3

Boris Conev überliefert in seiner Beschreibung auch die Melodie, wie sie in den meisten Einspielungen zu hören ist (1): 

Cone, milo čedo, Melodie nach Conev
  • Zweitens: Trotzdem kommt das Stück im Freizeit-Folkloretanz nur selten vor. Auf der sehr umfangreichen Folklorenotenseite folkloretanznoten.de existiert nur ein handschriftliches Notenblatt; im Archiv des Orchesters der „Qualmenden Socke” in Darmstadt ein weiteres; nur eine einzige alte Tanzbeschreibung ist in den sonst so ergiebigen Quellen in den USA zu finden: von Dick Crum 1981; Kursvideos sind ebenfalls sehr spärlich: Irena Staneva hat ihn in den neunziger Jahren ein paarmal präsentiert, eine andere Version später in einem Medley, auch Erik und Annelies Tijman haben Cone, milo čedo in den 1980er Jahren und zuletzt noch 2014 gelehrt – ein anhaltendes Fortleben war dem Tanz jedoch nicht beschieden. 
  • Drittens: Dagegen ist der Tanz auf YouTube zahlreich vertreten; man sieht da in Horo-Form hauptsächlich die gängigen Schrittfiguren, wie sie bei Vălkov, Stanev u.a. beschrieben sind. Er wird also in Bulgarien fleißig getanzt, bei uns nicht … Sogar auf Amazon findet man Cone, milo čedo (auch „Tsone Milo Chedo” oder Tsone Milo Tchedo”) mehrfach. 
  • Und viertens, das ist ein besonders interessanter Aspekt: Es gibt eine ganz offensichtliche Verwandtschaft des Cone, milo čedo mit Petrunino und Eleno mome (oder Elenino horo): alle drei haben den gleichen Takt und denselben Rhythmus (alt 13/16 in 4-4-2-3, neuer 7/8 in 2-2-1-2 oder 2-1-1-1-2) sowie ungefähr dasselbe Tempo. Eine Grundfigur aus drei Takten kommt sowohl im Petrunino (Nasko Nikolov 1983, Rajna Kacarova 1960, S. 89 (2)) als auch im Cone, milo čedo vor (Boris Vălkov 1980 S. 82 (3), Irena Staneva 1992 bis 1998). Dazu paßt sehr gut, daß die Miami Valley Folk Dancers ihn als „Cone Milo Cedo (Petrunino)” bezeichnen (4). Conev nennt den Tanz „Kjustendilsko horo”, genauer: „Der Kjustendilsko horo „Cone, milo čedo” des Typs Cone-milo-čedo-Varianten …” (5) – Also handelt es sich ihm zufolge bei Cone, milo čedo um einen Tanztyp

Was die Melodien anbelangt, hat jedes dieser drei Lieder seine unverwechselbare Melodie; wir hören eine (oder zwei) Cone-milo-čedo-Melodien, eine bis zwei Eleno-mome– und ebenso die speziellen Petrunino-Melodien – neben einer Reihe anderer Melodien, die nicht so kennzeichnend sind für den jeweiligen Tanz. Die Cone-milo-čedo-Aufnahmen sind zwar alle Instrumentalstücke (bis auf eins, s.o. Nr. 4); da hier aber keine Liedstrophen für ein fortschreitendes Musikerlebnis sorgen, variieren die Musiker ihr Spiel, indem sie im Tempo und Rhythmus passende Melodien hinzuziehen; das sind beim Cone, milo čedo dann eben Anleihen aus Eleno mome und Petrunino. Umgekehrt kommt das kaum vor; in unseren vielen Petrunino-Aufnahmen ist nur einmal das Lied Cone, milo čedo zu hören, in allen Varianten von Eleno mome nie. Man darf diesen Austausch so verstehen, daß die Musikanten sich einfach aus einem Pool von 2-2-1-2- bzw. 4-4-2-3-Melodien bedienen, egal wie wir Tänzer das jetzt gerade nennen. Wie sonst bestreiten sie bei einer geselligen Tanzveranstaltung 15 Minuten Eleno mome, zum Beispiel? 

Zum Vergleich drei Beispiele, z.T. aus YouTube (Hinweis: Link kopieren und in der Browser-Adresszeile direkt eingeben, das kann ggf. die Google-Zugangssperren umgehen):

Petrunino horo auf LP „Trajčo Sinapov – akordeon” Balkanton BHA 10165 (1978)

Elenino horo auf „Boris Karlov (1924-1964) Legend of the Bulgarian Accordion” – Bourque-Moreau Associés (BMA) Folklore Productions BMA-1005-6

Eleno mome auf „Dances of the World’s Peoples” Vol. 1 – Smithsonian Folkways Recordings (1957)

Es wundert uns nun eigentlich nicht mehr, daß wie bereits erwähnt auch choreographische Elemente hier wie dort auftauchen, im Petrunino wie im Cone, milo čedo. Daß sich unter dem Namen Cone, milo čedo aber eine unübersichtliche Vielzahl an weiteren Schrittfiguren findet, liegt vor allem daran, daß er als improvisierter Solotanz davon lebt, daß die Tänzer und Tänzerinnen mit den Figuren spielen und darin ihr Können und ihre tänzerische Phantasie frei ausleben. Wird Cone, milo čedo jedoch in der Form eines von allen einheitlich getanzten Horos realisiert, so schreibt Dick Crum, kann die dreitaktige Standardversion des Eleno mome benützt werden. 

Wer sich das Lesen all dieser Varianten in einer Tanzbeschreibung antun möchte, dem sei unsere Synopse empfohlen. (6) 

Der Tanz hat seinen Namen von einem Lied. Obwohl fast alle uns bekannten Musikaufnahmen für den Tanz reine Instrumentalstücke sind, möchten wir es nicht versäumen, auf den Text einzugehen – es lohnt sich … 

Dankenswerterweise zitiert Boris Conev in seiner Beschreibung auf S. 288 auch den Liedtext. Dieser ist bei weitem nicht die einzige Version; Todor Mollov dokumentiert 70 Liedvarianten aus dem gesamten bulgarischen Sprachraum unter dem Thema „Tochter, wer klopft an die Tür?” (7)

Мама Цона пита: / – Цоне, мило чедо, (2) / кой чука на порти?
– Мамо, мила мамо, / едно лудо-младо, (2) / едно аджамия!
Руйно вино пило, / друми погрешило, (2) / у нас наминало.
Друми погрешило, / у нас наминало. (2) / в порти почукало. 
Мамо, мила мамо, / дал’ да му отворя, (2) / у нас да вечеря?
Мама Цона дума: / – Недей му отваряй, (2) / нямаме вечеря!
Недей му отваряй, / нямаме вечеря, / нямаме постеля, / баща ти го няма!
– Мамо, мила мамо, / имаме вечеря, (2) / имаме постеля, 
Негова вечеря / мойте сладки думи; / негова постеля – / мойте дълги коси. 

Mutter fragt Cona: Cona, liebes Kind, wer klopft an der Tür?
Mutter, liebe Mutter, ein junger Mann, ein unerfahrener … 
Klaren Wein hat er getrunken, im Weg hat er sich geirrt, bei uns ist er gelandet. 
Im Weg hat er sich geirrt, bei uns ist er gelandet, an der Tür hat er geklopft. 
Mutter, liebe Mutter, soll ich ihm öffnen, daß er bei uns zu Abend ißt? 
Mutter spricht zu Cona: Öffne ihm nicht, wir haben nichts zu essen! 
Öffne ihm nicht, wir haben nichts zu essen, wir haben kein Bett, dein Vater hat keins! 
Mutter, liebe Mutter, wir haben zu essen, wir haben ein Bett, 
sein Essen sind meine süßen Worte, sein Bett sind meine langen Haare. 

Eins der von T. Mollov zitierten Lieder (8) geht noch einen Schritt weiter. Da läßt die Mutter sich von der Tochter überzeugen und schickt sie, die Tür zu öffnen. 


(1) Boris Conev: Bălgarski narodni hora i răčenici, Sofia 1960, S. 288

(2) Kacarova, R. & Dženev, K. – Bulgarian Folk Dances, Sofia 1958

(3) Vâlkov, Boris: Sbornik bâlgarski folklorni hora, Sofia 1980

(4) http://www.daytonfolkdance.com/mvfd/listings/listing-by-name-p1.pdf

(5) „Кюстендилското хоро «Цоне, мило чедо» е сложно народно хоро от типа на «Цоне, мило чедо» варианти” Boris Conev: Bălgarski narodni hora i răčenici (1960) S. 289

(6) Irena Stanevas Versionen von 1998 und 2005 siehe die Tanzbeschreibungen auf herwigmilde.de

(7) https://liternet.bg/folklor/motivi-3/mayka-moma-libe/content.htm

(8) „Чоне ле, море, чедо ле” https://liternet.bg/folklor/motivi-3/mayka-moma-libe/razlojko.htm